Oliver Lenz

Der Film des Lebens

von Oliver Lenz

„Hab ich den Herd ausgemacht?“, war sein erster Gedanke. Nicht, dass er sich wirklich sorgte. Es war eher dieser Klischeegedanke, der ihm durch den Kopf schoss. Aber was sollte das denn? In Filmen sieht das so einfach aus. Cool bleiben. Ein cooler, einschüchternder Spruch.

Doch jetzt, da Simon das erste Mal in seinem Leben in den Lauf einer Schusswaffe blickte, fiel ihm lediglich der Herd ein. Hätte er es wenigstens ausgesprochen, würden die anderen ihn für einen harten Kerl halten.

Die junge Frau, die neben ihm auf dem Boden saß, vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Sie hatte ihn bereits abgeschrieben und wollte nicht mit ansehen, wie sein Gehirn aus seinem Hinterkopf spritzte und an die Wand klatschte.

Er registrierte sie im Augenwinkel. Wieder ein Stück Hoffnung verloren.

Er wartete.

Wartete auf den Schuss. Und er wartete darauf, dass sein Leben noch einmal an ihm vorbeizog, wie man es sich erzählte.

In einem Bruchteil einer Sekunde soll man sein Leben nochmal durchleben, wenn man dem Tod ins Auge sieht. Alles noch einmal tun. Der erste Kuss, der erste Sex, die Geburt seiner Kinder. Alles nochmal.

Er hatte gut gelebt und eigentlich tropfte sein Leben nur noch so vor sich hin. Keine besonderen Ziele mehr. Er hatte getan, was ein Mann einmal im Leben getan haben soll.

Haus gebaut – das hat ihm seine Ex-Frau bei der Scheidung abgenommen, Baum gepflanzt – den hat sie fällen lassen, Kinder gezeugt – die leben bei der Mutter. Er hatte diese Standardliste sogar noch erweitert, um Dinge, die er getan hatte und die seiner Meinung nach ein Mann tun sollte.

Einmal solltest Du an einem Gummiseil von einer Brücke springen, einmal musst Du eine Dunkelhäutige im Bett gehabt haben und einmal eine Rothaarige und einmal eine Asiatin. Jetzt dachte er an deren Geschlechtsmerkmale.

„Alter, du stirbst gleich und selbst im Augenblick des Todes hast du nur sowas im Kopf.“ Vielleicht sollte er die Kleine neben sich, die er auf 25 schätzte, fragen, ob sie mit ihm geschlafen hätte, wenn er sie gefragt hätte. Nur so, für den Selbstwert.

Lieber nicht.

Ihm fiel auf, dass der Maskierte einen Fehler machte. Er hielt die Pistole viel zu nah an Simons Kopf. Das macht man nicht! Der Bedrohte könnte den Waffenarm zur Seite wischen und zum Kampf übergehen, ihn gar entwaffnen und dabei die Finger oder das Handgelenk brechen.

In wie vielen Filmen hat man das schon gesehen? Und in einem Kampfsportbuch hatte er es genau beschrieben vorgefunden. Doch er hatte es nie geübt. Verdammt. Das gehört auf die Must-Do-Liste. Kampfsport. Wirklich lernen, wirklich trainieren, nicht nur darüber lesen und Filme gucken. Dann könnte er jetzt nicht nur sein eigenes Leben retten und würde als Held aus der Geschichte gehen.

Plötzlich schienen all die Gedanken umsonst gewesen zu sein. Der Bewaffnete schwenkte seinen Arm und zielte jetzt auf die verängstigte junge Frau.

„Hey, Du Arsch. Ziel auf mich.“, dachte Simon, „Sie hat nichts getan.“ Er hatte auch nichts getan. Die Bedrohung fand willkürlich statt.

Niemand sollte heute sterben, nur weil er oder sie zur falschen Zeit in der falschen Bank war. Er musste etwas unternehmen. Doch weder traute er sich, noch wusste er überhaupt, was er tun sollte. Selbst wenn er den Kerl überwältigen konnte. Wie würden die anderen beiden reagieren, die zu weit weg waren um sie auch zu bekämpfen? Es sei denn …

Es sei denn, er könnte den nahe stehenden entwaffnen und mit seiner Waffe die anderen erschießen oder zumindest anschießen.

Bruce Willis oder Will Smith konnten das. Und man glaubt es ihnen. Auf der Leinwand ist alles möglich. Doch das hier war das echte Leben. Hier klangen sogar Schüsse anders als im Film. Diese Erkenntnis erlangte er, als der Idiot in die Decke schoss um die Aufmerksamkeit des Mädchens zu erlangen.

Die hatte noch nicht mal bemerkt, dass sie bedroht wurde. Ihr Gesicht lag immer noch in ihren Händen. Sie zuckte heftig zusammen und hob langsam den Kopf. Ihr erster Blick fiel nach links. Er lebte noch.

Verwundert sah sie sich langsam um, um herauszufinden, auf wen geschossen worden war. Stinksauer brüllte der Kerl sie an: „Heeey … hier spielt die Musik.“

Als sie ihn endlich ansah, hob er den gesenkten Arm mit der Knarre wieder und hielt ihr die Mündung vors Gesicht. Sie erfasste den Geruch einer gerade benutzten Schusswaffe. Er gefiel ihr nicht. Es roch nach Tod.

Nur die Augen bewegend suchte sie immer noch nach demjenigen, den der Schuss getroffen haben könnte. Der Bankräuber flippte förmlich aus. „Schau mich an, Du Schlampe“, brüllte er.

Mit der linken ohrfeigte er sie, um ihr sofort wieder die rechte mit der Waffe vor die Nase zu halten. Er presste die Mündung auf ihre Stirn. Sie schrie auf. Der Lauf war wohl noch etwas heiß.

Simon fasste seinen ganzen Mut zusammen. Er konnte diese Situation nicht eskalieren lassen. Die Kleine machte alles falsch, was man falsch machen kann. Sie war nicht sehr konfliktfähig.

Er drückte seinen Rücken an die Wand und stand auf. Der Bankräuber traute seinen Augen kaum. Ein Schritt zur Seite und er stand genau vor ihm. Mit der Waffe unterm Kinn ließ Simon die bescheuerten Sprüche über sich ergehen. „Willst den Helden spielen, hä? Wer bist Du? Der verdammte Terminator oder was?“

Scheiße. So wie sie da standen, war es unmöglich ihm die Knarre abzunehmen. Dass das Ding schussbereit war, wusste Simon. War ja gerade abgefeuert worden. Und wieder wartete er auf den Film seines Lebens, doch der kam nicht.

Er entwickelte den Aberglauben: „Wenn ich mein Leben nicht an mir vorbeiziehen sehe, ist meine Zeit noch nicht gekommen.“ Der Verbrecher ging einen Schritt zurück und zielte mit ausgestrecktem Arm auf den Kopf.

Nur wenige Zentimeter lagen zwischen der Stirn und der Waffe. So sollte es sein. Simons Adrenalinpegel, der sowieso schon am Anschlag war, stieg ins Unermessliche. Sein Überlebensdrang und sein Lebenswille erzeugten einen Mut, wie man ihn nur einmal im Leben haben kann.

Er riss die Arme hoch. Mit der linken Handkante schlug er gegen das Handgelenk des maskierten Mannes. Gleichzeitig packte er mit der rechten die Waffe und drehte sie nach außen. Mit einem Aufschrei verbeugte sich der Täter seitlich.

Die Pistole falsch herum am Lauf haltend nutzte Simon eine halbe Sekunde, um die Situation zu erfassen. Die anderen beiden standen etwa fünf und zehn Meter entfernt und hatten ihm den Rücken zugewandt. Der Bückling vor ihm hielt sein Handgelenk mit schmerzverzerrtem Gesicht. Sein Zeigefinger hing in Richtung des Handrückens. Gebrochen. Das war ein Grund, warum Profis, wie Soldaten oder Polizisten den Finger nicht am Abzug halten, sondern daneben. Erst wenn man wirklich schießen will, steckt man den Finger in den Ring und zieht den Abzug.

„Amateur.“, dachte Simon. Doch er selbst war auch kein Profi. Damals ein Jahr Wehrdienst, bisschen geballert, bisschen Selbstverteidigung gelernt, nicht nennenswert. Mit beiden Händen drehte er die Pistole und nahm sie richtig in die Hand.

Er zielte zunächst auf den Linken der beiden fernstehenden Bankräuber.

Zweifel.

Was, wenn er nicht trifft?

Er musste es versuchen.

Der Schrei würde sie sich umdrehen lassen. Was, wenn er sie nicht ausschalten konnte? Fast 30 Jahre war es her, dass er eine Uniform getragen hatte und geschossen hatte. An ein Detail erinnerte er sich: „Ziele nur auf einen Menschen, wenn Du auch wirklich gewillt bist, ihn zu töten.“

Nein, der Spruch half ihm jetzt nicht. Aber der: „Wenn Du auf einen Gegner schießt, schieß immer zweimal, damit Du ihn auch wirklich ausschaltest.“ Daran wollte er sich halten.

Er hatte den Linken im Visier. Beidhändig hielt er die Waffe. Er nahm sich noch die Zeit, ein Auge zu schließen und genau zu zielen. Auf die größte Fläche, den Rücken.

Er drückte ab.

Der Rückstoß erschreckte ihn. Sein Körper und sein Verstand erinnerten sich daran. Er ignorierte den Schmerz im Handgelenk und drückte erneut ab. Der getroffene riss die Arme hoch. Seine Pistole glitt aus seinen Fingern.

Simon hatte keine Zeit, sich das Schauspiel anzusehen. Er drehte den gesamten Körper mit den ausgestreckten Armen und der Pistole in den Händen um 20 Grad nach rechts, erfasste das zweite Ziel und drückte ab.

Dieser Bankräuber hatte sich bereits viel weiter gedreht. Das Ziel war kleiner, daher verfehlte das Projektil ihn. Simon schoss erneut. Und traf den sich drehenden in die Brust. „Verdammt. Wenn ich so oft schieße, werden die mir eine Tötungsabsicht unterstellen. Was solls, dafür überleben wir.“

Noch ein Schuss. Mitten ins Gesicht. Shit. Das war keine Absicht.

Der dritte kniete immer noch vor ihm, war jedoch im Begriff aufzustehen. Mit der Pistole schlug Simon ihm ins Gesicht. Von der Seite kommend, mit dem Griff voraus, traf er das Jochbein. Die Wucht des Schlages hob den Gangster förmlich aus den Socken. Er schlug hart auf und blieb schmerzerfüllt liegen.

Ruhe im Raum.

Langsam realisierten die anderen Geiseln, was geschehen war. Sie standen vorsichtig auf, sahen sich um. Bei manchen löste sich die Anspannung in Tränen auf.

Simon sah nach unten zu der jungen Frau. Sie sah ihn mit großen Augen an. Der Mund stand vor Erstaunen offen.

Was für ein Gefühl. Er war ihr Held. Er war der Held aller Anwesenden. Niemand war zu Schaden gekommen, außer den Bankräubern. Das hätte die GSG-9 nicht besser gekonnt. Was wohl die Presse schreiben wird? Was wohl seine Kinder über ihn denken würden? Und die Ex? Und die Kleine hier? Sollte er jetzt fragen? Nein.

„Wirf die Waffe weg“, sagte das Mädchen, das er inzwischen im Arm hielt. „Wenn die Polizei reinkommt …“

Und das tat sie, in eben diesem Moment. Die Schüsse hatten sie alarmiert und der Notfallplan wurde sofort durchgeführt. Die Tür sprang auf und ein halbes Dutzend, in Schwarz gekleidete Polizisten stürmten in die Bank und verteilten sich sofort im Raum.

Wie im Film – schon wieder.

Stolz präsentierte er den Arm mit der Pistole und lächelte die Beamten an. Trotzdem ein flaues Gefühl. Irgendwie fühlte es sich an, wie kurz vor einer Prüfung in der Schule. Der Magen krampfte ein wenig. Seine Beine kribbelten. Er hatte das Gefühl, Gänsehaut am Sack zu haben. Als ob er, der nicht schwindelfrei war, von einem viel zu hohen Balkon nach unten sah. Leichter Schwindel ergänzte das Ganze.

Seine Liebe des Moments stützte ihn. Er hielt sich an ihr fest.

Dann sah er den roten Punkt auf seiner Brust.

Der Punkt wurde größer.

Es war kein Laser, es kam von innen.

Unter dem Hemd.

Blut.

Der Fleck wurde immer größer.

Da erinnerte er sich.

Gerade eben, hatte es geknallt. Ein Schuss.

Er sah hoch.

Wenige Meter vor ihm stand einer der Polizisten mit einer Maschinenpistole im Anschlag, der immer noch auf ihn zielte.

Simon sah das Mädchen an, das ihn nicht mehr so richtig halten konnte. „Für einen Moment habe ich Dich geliebt“, sagte er leise. Dann versagten seine Beine.

Sie konnte ihn nicht halten und wurde mit zu Boden gezogen. Er war schon fast nicht mehr da, doch er hörte sie kreischen: „Ihr Vollidioten!“ Mehr verstand er nicht mehr. Ihre Stimme entfernte sich von ihm, rasend schnell.

Dann sah er sie.

Seine Mutter.

Wie sie sich über ihn beugte und lächelte.

Seine erste Kindheitserinnerung.

Endlich war er angekommen.

Er durfte sein Leben noch einmal leben.

Und er genoss es.

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